Hartmut Jatzke-Wigand
 
Fritz Eichler: Nachruf auf Hans Gugelot

Fritz Eichler

Nachruf auf Hans Gugelot


Lieber Gütsch,

 

wie so viele Briefe, fange ich auch diesen letzten Brief an Dich mit einer Entschuldigung an – es soll ein Brief der Erinnerung – und es soll ein Brief des Dankes sein – auf jeden Fall ist es ein verspäteter Brief.

 

Du hast für Erinnerungen nicht so sehr viel übrig gehabt: Du hattest keine Zeit dafür: denn Du hattest genug mit Gegenwart und Zukunft zu tun.

 

Für Dank warst Du empfänglicher. Du hast ihn sicher oft vermisst - aber wenn man ihn direkt geäußert hat, dann hast Du abgewunken. Entschuldige also, dass ich jetzt, wo Du Dich nicht mehr wehren kannst, alle die verpassten Gelegenheiten an Dank in diesem verspäteten Brief nachholen will.

 

Es ist jetzt 11 Jahre her, dass wir uns kennenlernten. Es war der Zeitpunkt, als wir daran gingen, der Firma Braun ein neues Gesicht zu geben. Wir waren voll von Ideen und Plänen, aber wir wussten nicht, wie wir allein damit fertig werden sollten. Deshalb suchten wir Hilfe von außen. So kamen wir zur Hochschule für Gestaltung, so kamen wir an lnge und Otl Aicher und an Dich.

 

Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung in Frankfurt. Du brachtest – geheimnisvoll verpackt – das erste Modell für ein zukünftiges Radiogerät mit. Es war ein spannungsvoller feierlicher Moment – eine Art Denkmalenthüllung: Da stand das Ding – eine viereckige Holzkiste – auf der Vorderseite eine schwarze Kreisfläche und ein Rechteck – das war alles. Und da standen wir – fünf Herren von der Industrie und starrten das Ding an: In sportlicher Lederjacke, einen dicken wollenen Schal um den Hals (obwohl es im Zimmer sehr warm war) schautest Du Deinerseits skeptisch – fast ein wenig arrogant wirkend – diese fünf Herren an. Ein Engel ging durchs Zimmer – Du hieltest ihn sicher für einen maskierten Teufel, der das Wunderding aus Ulm gleich mit einem Knall in die Luft sprengen würde. Aber es blieb still – es scheint wirklich ein Engel gewesen zu sein – der Engel, der uns zusammenbrachte. Später hast Du mir gestanden, dass Du diese Vorführung als eine Art Test in Szene gesetzt hast. Du wolltest uns provozieren – Du wolltest wissen, ob wir zu der Sorte von Industriellen gehörten, die es auch einmal mit der sogenannten Moderne versuchen wollten. Als Du merktest, dass es uns ernst war, ja, dass wir sogar bereit waren, diesen aus einer Matrix entsprungenen Rohentwurf eines Radiogerätes zur Realität werden zu lassen – da wurden aus den fünf Herren der Industrie für Dich Menschen. Du legtest mit dem dickwollenen Schal die Skepsis ab und wurdest zum Mitverschwörer.

 

Es begann eine verrückte Zeit. Für Dich und für uns. Du sprangst genauso wie wir mitten in die Realität - obwohl es Deiner Arbeitsweise widersprach. Es war keine leichte Aufgabenstellung für Dich - es war überhaupt keine Aufgabenstellung – es war eine Aufgabenvergewaltigung. Du konntest nicht vom Nullpunkt ausgehend etwas Neues entwickeln; sondern Du warst gezwungen, etwas zu tun, was Du im Grunde ablehntest: eine Form um eine vorhandene Technik machen. Du musstest mit Technikern zusammenarbeiten, die Dich kaum verstanden – ja die sogar annahmen, Du wärst neben mir der sicherste Garant dafür, die Existenz der Firma und damit ihre eigene zu zerstören.
Dahinter stand der Druck der Zeit. In einem dreiviertel Jahr sollte das gesamte Radio-Phono-Fernseh-Programm auf der Funkausstellung in Düsseldorf sein neues Gesicht zeigen. Wir fuhren zweigleisig – Du in Ulm – wir in Frankfurt. Eines Tages stand die Radio-Phono-Kombination PKG – »der lange Heinrich« – da. Kurz darauf ein neuer Tischsuper in 2 Variationen – ein Plattenspieler und ein Fernsehgerät. Bei diesen Geräten war es Dir gelungen, gewissermaßen von einem falschen Ausgangspunkt her, Geräte zu entwickeln, die in Maß und Form aufeinander abgestimmt waren, die sich auf- oder nebeneinander anordnen ließen; es waren die ersten kombinierbaren Geräte, die es auf dem Markt gab – es waren echte Gugelots. Die unseren nahmen sich daneben treuherzig, anständig und bieder aus.

 

Ich erinnere mich an eine Diskussion über die Erfolgs- und Zukunftschancen dieser Geräte. Die Männer mit den großen Erfahrungen konnten sich nicht vorstellen, dass Deine provozierend wirkenden Schöpfungen ein Alter erreichen würden, für das es sich gelohnt hat, überhaupt auf die Welt zu kommen. Die mehr konventionellen Formen, die so etwas wie einen »gediegenen Kompromiss« darstellten, schienen erfolgversprechender. Ich war anderer Ansicht (und sogar bereit zu wetten).

 

Ich behielt – Gottseidank – Recht. Die konventionellen Geräte verschwanden nach 2-3 Jahren vom Markt – die Deinigen gewannen mit den Jahren an Wert – sie zeichneten sich durch eine für Radiogeräte erstaunliche Langlebigkeit aus. Das war erfreulich – aber mit Einschränkung. Denn so wie Du damals gezwungen warst, äußere Form um vorhandene innere Technik zu machen – so waren wir jetzt gezwungen, neue Technik in vorhandene Form zu bauen – ein Teufelskreis. Es gibt keinen besseren Beweis für den Standpunkt, den Du von Anfang an vertreten hast – Technik und Form müssen sich von der Aufgabenstellung her organisch miteinander entwickeln – das Äußere ist Endprodukt.

 

Der Erfolg, den Deine und unsere Bemühungen hatten, ist bekannt. Er hat Dir ebenso wie uns einen großen Auftrieb gegeben.

 

Aus der Zusammenarbeit wurde Freundschaft – eine Freundschaft, wie es manchen schien, von Verrückten. Vielleicht waren wir es auch. Sicher nicht im üblichen – sondern mehr im wörtlichen Sinn: Ver-rückte: ein Stückchen abgerückt vom Verhaftetsein im »Üblichen« – das kleine Stückchen, das notwendig ist, um die Dinge aus der Distanz zu sehen – das kleine Stückchen, das es ermöglicht, auch bei scheinbar selbstverständlichen Dingen »warum« zu fragen. Und in der Fragestellung »warum« warst Du ein Meister.

 

Ich habe viel von Dir gelernt. Als ich Dich kennenlernte, glaubte ich, einiges zu wissen – dann merkte ich, wie bruchstückhaft und zusammenhanglos mein Wissen war. Du warst ein großzügiger und geduldiger Lehrer – und Du ließest es einen nicht merken, dass Du der Gebende warst.

 

Ich erinnere mich an die Geburt des SK 4 – an das Gerät das vielleicht am meisten zum Begriff für das Braun-Design wurde. Es war eine schwierige Geburt. Rams und ich hatten uns verrannt. Die obere Anordnung von Plattenspieler und Bedienungselementen war klar. Sie hatte bereits das Gesicht, das sie auch heute noch hat. Aber mit dem entscheidenden Teil – der Gehäusekonstruktion – wurden wir nicht fertig. Wir bastelten an einem Holzgehäuse in diversen Variationen herum. Wir kamen einfach nicht weiter. Ich reiste zu Dir nach Ulm. Du machtest Dein melancholisch nachdenkliches Gesicht und versprachst Dir die Sache zu überlegen. Schon nach ein paar Tagen kamst Du mit einem fertigen Modell an: ein weißes U-förmig gebogenes Blechgehäuse zwischen 2 Holzwangen gespannt – eine so selbstverständlich einfache Lösung, dass man neidisch werden konnte. Keiner hatte es bisher gewagt, ein Radiogehäuse aus Blech zu machen. Die Techniker stöhnten – aber sie sahen die Notwendigkeit ein. Später kam der Plexiglasdeckel dazu. Schneewittchen war geboren.

 

All die Geräte, die Du für uns gemacht hast, waren ein entscheidender realer Ausgangspunkt für unsere Entwicklung – für all das, was unter dem etwas fragwürdigen Begriff »Braunstil« Erfolg und Anerkennung fand. Aber ich meine fast, ebenso entscheidend, wie die vielen Anregungen waren, die wir von Dir – und von Otl Aicher – erhielten, waren Deine Kritik und die Arbeitsmethoden, die Du uns lehrtest – sie bilden gleichsam den basso continuo für unsere bisherige und zukünftige Arbeit.

 

Die Frage, »was sagt Gütsch dazu«, war für mich immer ein entscheidender Maßstab – sie wird es bleiben.

 

Für all das Dank. Dank von allen heutigen und von allen zukünftigen »Braun«-Leuten. Und ganz besonderen Dank für die Freundschaft, die Du uns geschenkt hast. Wenn Du jemanden mochtest, dann drücktest Du es auf Deine Art aus. Du stelltest fest: er sei ein Schatz. Erwin Braun, mit dem Du besonders freundschaftlich verbunden warst, war ein Schatz, Artur Braun war ein Schatz und manchmal sogar ich.

 

Nimm es mir nicht übel, wenn ich am Schluss dieses etwas hilflosen Briefes den Retourkutscher spiele:
Lieber Gütsch – Du warst und bist für uns nicht nur ein Schatz – Du wirst für uns immer ein Schatz bleiben.

 

Sei wie immer herzhaftfreundschaftlich umarmt von Deinem Fritz.

 

 

 

 

 

 

Quelle:
Eichler, F.: Nachruf auf Hans Gugelot. Bewahrt im Archiv von Artur Braun, Königstein/Ts. Ordner: Braun Personen, Abteilung 1 Fritz Eichler und Eichler, Fritz: Nachruf auf Hans Gugelot. In: "Gesagt" von Dr. Fritz Eichler 1963…1972, Kronberg 1973, 15-17

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